Bulgarien: Der chaotische Badeort “Sonnenstrand”

Die Bulgaren nennen den “Sonnenstrand” Slanchev Bryag. “Sunny Beach” ist die englische Version und “Mafia Beach” eine Variante, die vor einigen Jahren definitiv angemessen war. Heute ist dies zum Teil noch der Fall.

Slanchev Bryag ist der Inbegriff eines eher schrecklichen Badeortes. Dieser Fleck auf der Karte zeigt auf, wie Badeorte auf keinen Fall gebaut werden sollten. Er ist in verschiedener Hinsicht ein Anti-Badeort.

Die Existenz einer Sache, die im Rest der Welt Stadtplanung genannt wird, hat sich bis hierher noch nicht herumgesprochen. Das einstige Feriendorf für priviligierte Individuen und deren Familien im kommunistischen Bulgarien begann noch vor der Wende zu wachsen. Im Jahr 1989 wurden in Slanchev Bryag 108 Hotels gezählt. Dann explodierte der Ort förmlich, wie ein bösartiges Geschwür. Heute sind 800 Hotels aller Klassen in Betrieb, die 200.000 Touristen beherbergen können.

Je mehr Hotels und andere Gebäude hinzukamen, desto mehr Straßen wurden hinzugefügt, dies allerdings unkontrolliert. Vor etwa 20 Jahren war Slanchev Bryag plötzlich eine Touristenstadt, deren Infrastruktur für diesen Andrang aber nicht geschaffen war. Heute ist das Monster “Sonnenstrand” so groß, dass es nicht mehr gezähmt werden kann.

Der eigentliche Strand ist gut. Er liegt in der Bucht von Nessebar, ist 100 Meter breit und acht Kilometer lang. Vor allem früh morgens oder am späteren Abend, wenn die meisten Touristen entweder schnarchen oder Pizza konsumieren, eignet sich der Strand für lange, romantische Spaziergänge.

Die tausenden Seemöwen profitieren von dem hier herrschenden Chaos. Je mehr Touristen am Strand sind, desto mehr Pizzaränder können die Vögel aufgabeln und fressen. Die Möwen verzehren vermutlich zur Hälfte frischen Fisch, den sie sich aus dem Meer holen, und zur anderen Hälfte Reste aus dem Müll.

Hotelbesitzer sind natürlich die größten Profiteure. Viele Bulgaren sagen, die meisten Herbergen in Slanchev Bryag seien von Mafiosi errichtet worden, darunter Leute, die ihren “Einfluss” im Kommunismus nutzten, um sich Gelddruckmaschinen in Hotelform und Geldwäscheobjekte zuzulegen. Aber große, internationale Reiseanbieter besitzen inzwischen auch Hotels an der bulgarischen Schwarzmeerküste.

Unzählige Geschäfte wurden zwischen all diese Hotels gequetscht, zum Teil von den selben Besitzern. Kleine Supermärkte und Restaurants verschiedener Preisniveaus sind natürlich zuhauf vorhanden. Hinzu kommen zum Teil schicke Clubs wie etwa “La Cubanita” oder “Cacao Beach”, wo ein Glas Vodka 14 Leva kostet, das Äquivalent von gut 7 Euro. Dieser Betrag ist in Bulgarien astronomisch hoch.

Dann gibt es noch das Geldwechselgeschäft. Vor fünfzehn Jahren wurden Touristen hier systematisch ausgenommen. Wer sich beschwerte, musste damit rechnen, von muskelbepackten Herren “angesprochen” zu werden. Heute geht der Beschiss unauffälliger vonstatten.

In Slanchev Bryag gibt es fast keine regulären Banken. Deren Geldautomaten fehlen auch. Auf fast allen Geldautomaten am “Sonnenstrand” prangen der Name und das Logo eines “unabhängigen” Aufstellers, den kaum jemand kennt. Die Gebühren sind vermutlich recht hoch.

In den zahlreichen Wechselstuben müssen die Touristen unvorteilhafte Kurse akzeptieren. Die Schlägertypen von damals, mit ihren aufgeknöpften Hemden, Goldkettchen und Sonnenbrillen, sind weitgehend verschwunden. Krasse Betrugsmaschen vor dem Rathaus gibt es inzwischen auch nicht mehr. Das Geschäft mit der Prostitution, und vor allem mit dem Glücksspiel, ist aber gewachsen.

Slanchev Bryag bietet Hotels aller Kategorien. Dazu gehören Absteigen, in denen unschöne Flecken auf Matratzen, Kissen und Laken als kostenloses Extra in alle Zimmer gehören. Die britische Touristin Alison Pounder, die mit ihrer 74-jährigen Mutter und zwei Enkelkindern im “Korona” landete, lud ekelige Fotos in soziale Netzwerke hoch, die genau dies zeigten. Sie warnte Urlauber vor ihrem Hotel. “Leute in Großbritannien: Kommt nicht ins “Korona” am Sonnenstrand”, schrieb sie. Zwei Tage lang hätte sie versucht, aus “verdreckten Räumen” herauszukommen, die “nicht für Menschen geeignet” seien.

Natürlich gibt es positive Beispiele. In der Herberge “Sun City Apartments” traf unlängst Melanie mit ihrer Familie ein. Die schwangere Mutter zweier Töchter aus Thüringen ist bereits zum dritten Mal am “Sonnenstrand”. “Wo sonst kann ich für unter 500 Euro eine Woche lang bleiben?”, fragt sie. “Ich mag es hier”, meint Melanie, während sie ihren Töchtern beim Planschen im großen Schwimmbad zusieht.

Melanie ist keine typische Touristin, da sie die 2000 Kilometer von Thüringen nach Slanchev Bryag mit dem Auto zurücklegte. Ihre Familie ist bereits erfahren und wird daher vermutlich nicht Opfer der Geldwechselmafia oder der Taxifahrer, die ihre Kunden ebenfalls nach Strich und Faden ausnehmen.

Bulgarien bietet Badeorte am Schwarzen Meer, die weitaus schöner und weniger überlaufen sind als Slanchev Bryag, darunter Kavarna im Norden oder Sinemorets im Süden. Urlauber die feiern wollen wie am Ballermann und es vorziehen, sich gegenseitig auf den Füßen herumzutrampeln, werden aber wahrscheinlich am “Sonnenstrand” landen. Hinzu kommen Touristen, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen.

Slanchev Bryag ist das Zentrum des Universums für Billigtouristen, die einfach nur die drei “S” wollen, also Sand, Salzwasser und Sonne, und für bulgarische Hotelbesitzer, die es lieben, auf der chronisch überfüllten Durchfahrtstraße mit ihren Aston Martins und Maybachs anzugeben.

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