Sofia, Bulgarien: Obdachlos und im Stich gelassen

Tsveti aus Sofia ist ein hübsches, sechsjähriges Mädchen, das niedliche Zöpfe trägt. Der Stadtteil Orlandovtsi, wo sie bisher aufwuchs, liegt nördlich des Zentralfriedhofes, 15 Autominuten vom Zentrum der bulgarischen Hauptstadt.

An den 14. Oktober 2017 wird sich Tsveti stets erinnern. Die Sofioter Stadtverwaltung schickte an diesem Tag Bagger und zerstörte insgesamt 70 Häuser. Dazu gehörte das kleine Haus, in dem Tsveti mit ihrer Familie lebte. Von dem Viertel waren plötzlich nur noch Schutthaufen übrig. Es sah aus wie ein Kriegsgebiet, was heute, sechs Monate später, noch immer der Fall ist.

“Ich mochte mein Zimmer”, sagt Tsveti, während sie das Bild eines in vielen Farben ausgemalten Hasen an Antoaneta Nenkova vom Bulgarian Helsinki Committee (BHC) übergibt. “Bitte gib dieses Bild Bürgermeisterin Fandakova und richte es ihr aus.”

Das BHC ist eine der wenigen Organisationen in Bulgarien, die Minderheiten hilft.

Tsvetis Zimmer, wo sie sich einst sicher und geboren fühlte, war plötzlich weg. Die Stadtverwaltung hatte offenbar sogar das Recht dazu, es dem Erdboden gleich zu machen, mitsamt dem Haus und dem gesamten Viertel, denn die 70 Häuschen der Roma-Familien waren illegal errichtet worden.

Andererseits war das Rathaus nicht gezwungen, das Viertel platt zu machen, trotz fehlender Dokumente. Der Vorsitzende des BHC, Krassimir Kanev, sagt, das Motiv der Stadtverwaltung für die Verwandlung eines Romaviertels in einen enormen Schutthaufen sei Rache gewesen.

Das frühere Romaviertel in Sofia sieht aus wie ein Kriegsgebiet. Foto: Imanuel Marcus.

“Im vergangenen Jahr gab es eine beispiellose Welle an Demolierungen und Zwangsräumungen. In einigen Fällen waren es Racheakte”, meint Kanev. Ihm zufolge gilt dies auch für die Räumung des Romaviertels in Sofia: “Es gab einen Zusammenstoß zwischen Bulgaren ohne Roma-Hintergrund und einer Gruppe Roma. Danach zerstörte die Stadtverwaltung Häuser, mit dem Ergebnis, dass deren Bewohner im Wesentlichen odachlos wurden.”

Zwei Störche wohnen in einem stabil anmutenden Nest auf der Spitze des bescheidenen Turmes der St. Petka-Kirche. Hier scheint alles mehr oder minder in Ordnung zu sein. Ein kleines Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite bietet Pflaumen und die ersten Erdbeeren der Saison zu durchschnittlichen Preisen an.

Hier leben Familien in kleinen Häusern, die zum Teil sogar eingezäunte Mini-Gärten haben. Es ist hier etwas staubig, was unter anderem damit zusammenhängt, dass viele Gehsteige nicht gepflastert sind. Auch trägt der Wind tonnenweise Sand aus der Sahara bis nach Sofia. Hinzu kommt die Tatsache, dass Sofia generell nicht gerade die sauberste Stadt auf dem Planeten ist.

Auch Mütter mit Babys leben im Schutt, den die Stadtverwaltung hinterließ. Foto: Imanuel Marcus.

Was man aber 300 Meter weiter sehen kann, hinter der Kirche, entbehrt jeder Beschreibung. Slums in Honduras sehen besser aus, als dieses Viertel. Familien leben in Waggons und provisorischen Zelten aus Müll. Es gibt nur einen einzigen Wasserhahn in der gesamten Gegend. Herrenlose Hunde schlafen im Schatten, während Kleinkinder im Schutt und Dreck spielen.

Als Toiletten dienen gegrabene Löcher mit aus alten Planen und Brettern zusammengebauten Sichtschutzkabinen. Je heißer es wird, desto stärker wird der Gestank.

Ein 80-jähriger Mann, der an Diabetes und anderen Krankheiten leidet, zieht seine Hosenbeine hoch, um seine vielen langen Narben zeigen zu können. Dann öffnet er sein Hemd und zeigt noch mehr davon. Unlängst wurde er operiert. Nun muss er wieder hier leben, im Schutt, ohne Hygiene.

Einige Familien wohnen nun in alten Güterwaggons, Foto: Imanuel Marcus.

Am nächsten Waggon sitzt eine schwangere, 28-jährige Frau. Sie blickt besorgt auf den Boden. Wer könnte einem Baby eine angemessene Umgebung bieten, hier, in diesem früheren Viertel, das die Sofioter Stadtverwaltung zerstören ließ und das seither zu einer Müllhalde verkam?

Zwei Männer, jeweils etwa 45 Jahrte alt, sind betrunken. Ein Teenager steht unter dem Einfluss einer Droge. Vielleicht hat er Klebstoff geschnüffelt. Er wäre nicht der einizige Roma-Junge der dies tut, obwohl das Schnüffeln empfindliche gesundheitliche Schäden anrichtet.

“Was soll das alles?”, fragt eine ältere Dame mit dunkelrot gefärbten Haaren. “Wo sollen wir wohnen?” Diese Frau stellt die offensichtliche, richtige Frage.

Einen einzigen Wasserhahn gibt es im ganzen Viertel. Foto: Imanuel Marcus.

Dem Bulgarian Helsinki Committee zufolge hatte die Stadtverwaltung das Recht, die illegal errichteten Häuser zu zerstören. Europäische Gesetze seien dennoch missachtet worden, denn den plötzlich obdachlos gewordenen Roma hätten alternative Unterbringungen angeboten werden müssen.

“Diese Häuser waren illegal. Ja, der Bau illegaler Häuser sollte gestoppt werden”, sagt Antoaneta Nenkova, ein Vorstandsmitglied des BHC. “Sie können aber Leute nicht einfach loswerden, indem sie sie auf die Straße setzen.”

Die Organisation will die Situation in Orlandovtsi und das weitere Vorgehen mit Bürgermeisterin Yordanka Fandakova besprechen. Dann wird der Fall womöglich beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte landen. Das BHC würde einen solchen Prozess vermutlich gewinnen.

Antoaneta Nankova vom BHC dokumentiert die Situation. Foto: Imanuel Marcus.

Neben juristischen Fragen gibt es noch den moralischen Aspekt. In diesem Zusammenhang hat die Stadtverwaltung definitiv komplett versagt.

Die Situation ist kompliziert geworden. Die Leidtragenden der Zerstörungswut der Stadt haben nun Angst, dass ihnen das Sozialamt die Kinder wegnehmen könnte, da sie ihnen keine angemessene Umgebung bieten können. Ja, Sozialarbeiter, angestellt und bezahlt von der Stadtverwaltung mit dem inneren Drang, Romasiedlungen zu zerstören, könnten genau dies tun.

Viele der Erwachsenen vom Schutthaufen, der einst ein Wohnviertel war, haben Jobs in einer nahgelegenen Fischfabrik. Es sind zum Großteil Frauen, die acht Stunden am Tag Fischprodukte verpacken, für Gehälter von 400 bis 500 Leva (204 bis 255 Euro).

Dieser 80-jährige Bulgare leidet an Diabetes und anderen Krankheiten. Auch er muss im Schutt leben. Foto: Imanuel Marcus.

Ein Gehalt dieser Größenordnung reicht bei weitem nicht zum Überleben. Es würde die Miete für eine kleine Wohnung in diesem Teil Sofias vielleicht gerade abdecken, aber für Nahrung und Stromrechnungen wäre nichts mehr übrig. Hinzu kommt, dass kaum ein Vermieter Wohnungen an Roma-Familien vermieten würde.

Denn Diskriminierung und Hassreden sind in Bulgarien weit verbreitet. Selbst einer der Vizepremierminister in der derzeitigen Regierung, Valeri Simeonov, hat bulgarischen Medien zufolge Roma als “bösartige, menschenartige Wesen” bezeichnet, deren Frauen “die Instinkte von Straßenhündinnen” hätten.

Die Situation in Orlandovtsi hat sich seit der Zerstörung der Häuser vor sechs Monaten nicht verbessert. Es muss aber schnellstens etwas passieren.

Die Verantwortlichen wollten die dortigen Roma möglicherweise vertreiben, um das Land auf dem sie lebten für andere, eventuell lukrative Zwecke zu verwenden. Dies vermuten Vertreter von Nichtregierungsorganisationen.

Die Stadtverwaltung Sofias dachte vielleicht, niemand würde es mitbekommen oder kaum jemand würde sich um die Situation scheren. Eventuell wurde angenommen, die Zerstörung der 70 illegal errichteten, aber benötigten Häuser würde schnell vergessen sein. Dies war ein Fehler.

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