Victor Baruch: Der bulgarische Jude mit dem guten Gedächtnis

Baruch war der einzige bulgarische Reporter beim Eichmann-Prozess

Wenn im Pass eines Individuums 1921 als Geburtsjahr verzeichnet ist, kommt es vor, dass Leute Schwierigkeiten haben, dies zu glauben. Victor Baruch, ein 97-jähriger, jüdischer Autor aus Sofia, der eher wie 67 wirkt, kann dies bezeugen.

Unlängst musste er bei der Deutschen Botschaft in Sofia, die sich nur ein paar Blocks von seinem Mietshaus entfernt befindet, ein Dokument unterzeichnen. “Die Dame dort meinte: ‘Ich habe Ihr Geburtsdatum gesehen. Wie machen sie das?’ Ich sagte zu ihr dies sei Gottes Wille. Sie meine: ‘Na ja, dann müssen Sie Gott irgendwie geholfen haben.'”

Victor Baruch heißt seine Gäste in seiner geräumigen Wohnung im 17. Stock willkommen. Auf dem Holzfußboden des beeindruckenden Wohnzimmers steht eine enorme Regalwand, die mit Büchern gefüllt ist, darunter von ihm selbst geschriebene Romane. Er scheint der freundlichste, höflichste und bescheidenste Mensch auf diesem Planeten zu sein.

Baruch lebt allein. Das Angebot seiner Großenkelin, ihn bei sich aufzunehmen, schlug er aus, vermutlich da er dachte, er könnte ihr und ihrer Familie zur Last fallen. Sein aufgeklappter Laptop-Computer steht auf dem Wohnzimmertisch bereit.

Er bietet seinen Gästen gut riechenden Kaffee aus einer Thermoskanne und etwas Schokolade an, während er erzählt, wie er vor 30 Jahren in dieses Apartment einzog. Ein Wohnblock für Autoren sei dies damals gewesen. Inzwischen wohnten die unterschiedlichsten Personen und Familien hier. Der Blick vom enormen Balkon ist hervorragend. Dies gilt auch für Baruchs Gedächtnis.

Im Alter von 28 Jahren, es war Mai 1943, nahm er an einer Demonstration in Sofia teil. Die bulgarischen Juden hatten gerade die Anweisung erhalten, ihre Wohnungen und Häuser innerhalb von drei Tagen zu evakuieren. Auch wurde ihnen mitgeteilt, auf welchen Güterzug sie wann aufsteigen sollten. Bis zu 10 Kilo Gepäck pro Person gestatteten die Mörder in Nazi-Deutschland den Bulgaren, von denen sie dachten, dass sie ihre nächsten Opfer werden würden.

Mit seinen 97 Jahren schreibt Victor Baruch weiterhin viel. Foto: Imanuel Marcus.

Victor Baruch erinnert sich an diesen Tag, als wäre es gestern gewesen. “In diesen Anweisungen an die bulgarischen Juden stand nicht, dass sie in Vernichtungslager geschickt werden sollten. Sie wussten es aber.”

Ihm zufolge gibt es verschiedene Ansichten darüber, ob die Demonstration im Mai 1943 geplant war oder eher spontan erfolgte. “Ich glaube, es war ein spontaner Protest, organisiert von den Juden. Die meisten jüdischen Männer befanden sich in Arbeitslagern in allen Teilen Bulgariens und die Frauen wussten in dieser Situation nicht, was sie tun sollten. Sie trafen sich zuerst an der Synagoge und begannen dann die Demonstration.”

In diesem Moment wussten die Juden aus Bulgarien nicht, dass sie gerettet werden würden. Dank nicht-jüdischen, mutigen Bulgaren, darunter christlich-orthodoxe Priester, gab es keine Deportationen von Juden aus dem eigentlichen Bulgarien. Andererseits wurden 11,343 aus Thrakien und Mazedonien, es handelte sich damals um von Bulgarien kontrollierte Gebiete, in Vernichtungslager Nazi-Deutschlands transportiert und dort ermordet.

Die gesamte Geschichte der bulgarischen Juden, inklusive der Ereignisse im Jahr 1943, ist Teil des Buches “Bulgarian Jews: Living History” von Clive Leviev-Sawyer und Imanuel Marcus, dessen englische Version am 10. März 2018 veröffentlicht wird. Eine bulgarische Version kommt etwas später.

Victor Baruchs Vater war bereits sieben Jahre zuvor gestorben. Mit seiner Mutter und seinen beiden älteren Brüdern wurde Baruch nach Pazardzhik geschickt. Während seine Angehörigen in Arbeitslagern landeten, kam er “in eine Art Konzentrationslager”.

Nach Ende des Krieges, das seine Mutter nicht mehr miterlebte, trafen sich die drei Baruch-Brüder schließlich in Sofia wieder. Einer von ihnen wurde Funktionär in der Kommunistischen Partei, der nächste wurde Verkäufer in einem Geschäft. Und Victor Baruch meldete sich freiwillig bei der nun kommunistischen “Vaterlandfront”, während er für eine Zeitung schrieb.

Viele Jahre später waren aus Jerusalem gute Nachrichten zu hören. Adolf Eichmann, der Architekt und Planer des Holocaust, befand sich in israelischer Haft. Dem Kriegsverbrecher war es gelungen, sich über viele Jahre hinweg unter dem falschen Namen Ricardo Clement in Buenos Aires zu verstecken. Dann, 1960, entführten ihn Mossad-Agenten und brachten ihn im Rahmen einer waghalsigen Aktion nach Israel. Dieser Stunt wurde sogar verfilmt. “The Man Who Captured Adolf Eichmann” war Ende Februar 2018 selbst auf Youtube zu sehen.

“Es war ein Gefühl der Erleichterung und Freude”, erinnert sich Victor Baruch, 57 Jahre nach dem Eichmann Prozess. “Wir, die bulgarischen Juden, waren so froh, dass er sich nun würde vor Gericht verantworten müssen. Ich sagte damals zu einem Kollegen bei der Union der Bulgarischen Autoren: ‘Noah, ich will sein Gesicht sehen.’ Dann wurde ich nach Jerusalem geschickt.” Er war der einzige bulgarische Reporter beim Prozess.

Baruch blickte dem Mann, der den Holocaust geplant und umgesetzt hatte, in die Augen. “Ich sah den Mann, vor dem ich gerettet wurde, denn er war der Chef von SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker, der 1943 nach Sofia gekommen war.” Dannecker und der bulgarische Nazi Alexander Belev hatten 1943 die Deportation der bulgarischen Juden geplant, zu der es nie kam, da Bulgarien Nazi-Deutschland diesbezüglich die Stirn bot.

“Also betrat ich den Saal, sah Eichmann in diesem Glaskasten sitzen und dachte ‘Du Idiot. Du hast mich nicht erwischt. Ich bin geflohen.” Victor Baruch nimmt einen weiteren Schluck Thermos-Kaffee.

“Adolf Eichmann kam mit einer ganzen Armada an deutschen Anwälten. Er war immer gut gekleidet, wirkte sehr ruhig und sah wie eine Person aus, die einfach Befehle befolgt hatte, so wie er dies stets beteuerte. Seine Geschichte ist interessant.”

Victor Baruch: “Wir müssen weiter gegen den Antisemitismus ankämpfen.” Foto: Imanuel Marcus.

Sechsundfünzig Jahre nach der einzigen Hinrichtung eines Verurteilten, die in Israel jemals erfolgte, breitet sich der Antisemitismus wieder aus. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia waren nur wenige Tage vor dem netten Treffen mit Victor Baruch 1.500 Nazis auf den Straßen unterwegs, darunter 100 Deutsche, um Hristo Lukov zu ehren, einen weiteren notorischen Nazi und Antisemiten. Hakenkreuze werden im Stadtzentrum an Wände gesprayt, “Mein Kampf” auf dem Buchmarkt angeboten. Zudem gehören Rechtsradikale sogar der bulgarischen Regierung an.

“Wir müssen weiter gegen den Antisemitismus ankämpfen”, sagt Victor Baruch. “Wir müssen lautstark sein, Demonstrationen organisieren, Petitionen und Deklarationen schreiben, was unsere Organisation Shalom ja auch tut. Diese Nationalisten, deren Einstellung derer der Nazis sehr nah ist, stellen eine der Gefahren dar, mit denen wir konfrontiert sind.”

Victor Baruch, einer der wenigen bulgarischen Juden, die 1948 nicht Aliyah machten, schreibt weiterhin, darunter ein 25-seitiges Heft mit seinen Erinnerungen an den Eichmann-Prozess. “Ich stelle sicher, dass ich beschäftigt bin. Mein Computer steht dort und ich schreibe viel.” Auch hat er seine Urenkelin. Und er denkt viel nach. “Ich denke an den Tod. Das ist unvermeidbar. Aber ich versuche es in Grenzen zu halten.”

Magazine79 bedankt sich bei Tsvetina Kaneva, für die Organisation des Treffens und die Übersetzung.

Die englische Version dieses Artikels ist hier zu finden.

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.