Die hässlichen Europäer: Nazis erobern Straßen Sofias für “Lukov-Marsch”

0

Etwa 1.500 Nazis haben heute in Sofia an einem Marsch für Hristo Lukov teilgenommen, einem bulgarischen Antisemiten und Bewunderer Nazi-Deutschlands, der 1943 erschossen wurde.

Neben der Aleksandar Nevski-Kathedrale, dem bekanntesten Bauwerk in der bulgarischen Hauptstadt, zündeten hunderte Teilnehmer Fackeln an. Eine Trommel diktierte das Tempo des Marsches, wie in einer Armee.

Angeführt wurde der Fackelmarsch von einer jungen Frau, die ein gerahmtes Bild von Lukov in den Händen hielt.

Schwedische und deutsche Nazi-Gruppen nahmen ebenfalls teil. Einer der deutschen Nazis sagte gegenüber Magazine79, er sei Teil einer Gruppe von etwa 100 Deutschen, die für die Demonstration aus Dortmund nach Sofia geflogen seien. Viele der Deutschen hielten schwarz-weiß-rote “Reichsflaggen”.

Vor Beginn des eigentlichen Marsches hielt einer der deutschen Nazis eine Rede. Allen Ernstes sagte er, “der Glaube an unser Blut hat uns zuvor schon zusammengebracht.” Damit meinte er offensichtlich die von den Nazis angehimmelte “arische Rasse”, deren Angehörige als “Übermenschen” galten, während Millionen Juden sowie zehntausende Roma und andere Bevölkerungsgruppen in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Einige der deutschen Teilnehmer hielten Reichsflaggen. Foto: Imanuel Marcus.

Der deutsche Redner sagte auch, die Europäische Union sei “ein Gefängnis, in dem die Profite für die Parasiten dieser Welt generiert werden.” Goebbels und andere führende Nazis waren für sehr ähnliche Reden bekannt, bei denen das Wort “Parasit” auch des öfteren vorkam.

Die bulgarischen Organisatoren hatten in den Wochen vor dem Marsch stets versichert, sie wollten lediglich einen “Helden des Ersten Weltkrieges” ehren. Die gehaltenen Reden machten jedoch klar, was ohnehin bekannt war, nämlich dass Lukov vorwiegend wegen seiner antisemitischen Gesinnung und entsprechenden Aktionen geehrt werden würde.

Gegen 18:30 Uhr Ortszeit setzte sich der Nazi-Marsch in Bewegung. Vom Sveta Nedelya-Platz ging es an der Nevski-Kathedrale vorbei zum Nevski-Platz und zum Geburtshaus von Lukov. Die Polizei begleitete den Fackelmarsch, um eine Eskalation der Situation zu verhindern.

Dieser Marsch sorgte für eine gespenstische Atmosphäre in Sofia. So viele Nazis an einem Ort waren auch furchterregend.

Wenige Stunden zuvor nahmen 150 bis 200 Personen an einer antifaschistischen Demonstration teil, deren Teilnehmer einen Verbot von Nazi-Veranstaltungen auf den Straßen Sofias forderten. Diese Anti-Nazi-Demo war von der lokalen Antifa-Bewegung organisiert worden.

Die meisten Teilnehmer waren 20 bis 30 Jahre alt, einige trugen schwarze Kleidung und vermummten sich. Auch angehörige der Sofioter Schwulen- und Lesben-Gemeinde waren dabei. Mindestens sieben deutsche Staatsbürger demonstrierten ebenfalls mit, darunter eine junge Frau, die in Bulgarien lebt, eine Besucherin von ihr und fünf junge Leute, die eigens für diese kleine Antifa-Demonstration aus der Bundesrepublik angereist waren.

Nur 150 to 200 kamen zur Sofioter Antifa-Demo, wenige Stunden vor dem Lukov-Marsch. Foto: Imanuel Marcus.

In den Tagen, Wochen und Monaten vor dem Lukov-Marsch hatte es Bemühungen gegeben, die Demonstration zu stoppen. Die Bürgermeisterin von Sofia, Yordanka Fandakova, hatte den Marsch verboten. Mit einem Gerichtsurteil, in dem auf die Meinungsfreiheit verwiesen wurde, war das Verbot aber später gekippt worden.

Shalom, die Organisation der Juden Bulgariens, hatte bereits im Oktober 2017 eine Deklaration mit der Forderung veröffentlicht, den Nazi-Aufmarsch zu unterbinden. “Auf den Straßen Europas darf es keinen Raum für eine Parade geben, in deren Rahmen ein Mann und eine Zeit geehrt werden, die den dunkelsten Teil unserer Geschichte repräsentieren”, hieß es darin.

Anfang Februar war Robert Singer, der Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC) in Sofia gewesen. Mit Alexander Oscar, dem Präsidenten von Shalom, hatte er den bulgarischen Ministerpräsidenten Boyko Borissov (deutsche Schreibweise auch “Borisow”) und Außenministerin Ekaterina Zaharieva in Gesprächen gebeten, sich gegen den Lukov-Marsch einzusetzen.

Gestern ließ Singer eine Erklärung des WJC verschicken, in der es hieß, die Organisation stehe der jüdischen Gemeinde Bulgariens ebenso zur Seite, wie allen jüdischen Gemeinden weltweit, die bedroht würden.

Moderate Mitglieder der Regierung in Sofia, darunter Ministerin Zaharieva und Vizeaußenminister Georg Georgiev, der zugleich Antisemitismus-Beauftragter ist, haben den Lukov-Marsch verurteilt. Dies gilt auch für Irit Lillian, die israelische Botschafterin in Bulgarien, und U.S.-Botschafter Eric Rubin.

Am 26. Januar 2018, kurz vor dem Internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust, hatte Ministerin Zaharieva gesagt, Bulgarien müsse der jungen Generation zeigen, “dass das bulgarische Volk traditionell tolerant und friedliebend ist. Die Bulgaren konnten mit Angehörigen anderer Religionen und Bevölkerungsgruppen, die anders waren, koexistieren, und taten dies auch.”

Der Nazi-Marsch für Lukov wurde zum 16. Mal abgehalten. Foto: Imanuel Marcus.

Am Donnerstag hatte in der Sofioter Universität eine Konferenz unter dem Titel “Sofia sagt nein zu Hassreden” stattgefunden. Während des Events, der von der Organisation Marginalia organisiert worden war, hatte Ronald Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, in einer Videoansprache gesagt, es gäbe “im Moment nichts wichtigeres, als den Kampf gegen den sich ausbreitenden Antisemitismus.”

Botschafterin Lillian erklärte bei der Konferenz, obwohl Hristo Lukov im Ersten Weltkrieg als Held gesehen worden sei, habe er Rassismus und Antisemitismus verbreitet. “Die Marsch-Teilnehmer ehren ihn wegen dieser Ideen.”

Der diesjährige Lukov-Marsch fällt mit dem 75. Jahrestag der Rettung der Ereignisse von 1943 zusammen, als die bulgarischen Juden dank des Einsatzes mutiger Nicht-Juden, darunter auch christlich-orthodoxe Priester, gerettet wurden. Bulgarien weigerte sich damals, der Anweisung Nazi-Deutschlands nachzukommen, die Juden zu deportieren. Allerdings wurden mehr als 11.000 Juden aus den “neuen Gebieten” Bulgariens, nämlich Mazedonien und Griechenland, deportiert und getötet.

Die bulgarische E.U.-Ratspräsidentschaft, die im Januar begann, sorgt derzeit dafür, dass das kleine Land Bulgarien in Europa genauer beobachtet wird, als dies sonst der Fall ist. Beobachter gehen davon aus, dass der Lukov-Marsch dem Ruf des Landes auch deshalb schaden wird.

Leave A Reply

Your email address will not be published.